Liveblog Sachsen

Meine Woche in der Pflege

Wie viele andere Menschen habe ich mir bislang keine Gedanken über das Thema Pflege gemacht. Nun besuche ich an sieben Tagen sieben Pflegestationen – vom Pflegeheim über den ambulanten Pflegedienst bis zum pflegenden Angehörigen – tagsüber, in der Nacht und am Wochenende. Ich will wissen, was Pflegerinnen und Pfleger, betroffene Menschen und ihre Familien im Alltag bewegt.

Redakteur Martin Hoferick berichtet in seinem Tagebuch über die Arbeit in der Pflege

Wie viele andere Menschen habe ich mir bislang keine Gedanken über das Thema Pflege gemacht. Nun besuche ich an sieben Tagen sieben Pflegestationen – vom Pflegeheim über den ambulanten Pflegedienst bis zum pflegenden Angehörigen – tagsüber, in der Nacht und am Wochenende. Ich will wissen, was Pflegerinnen und Pfleger, betroffene Menschen und ihre Familien im Alltag bewegt.

  • Sonntagabend, der letzte Abend vor einer Woche in der Pflege. Meine Nervosität steigt leicht. Nun stehe ich kurz vor dem Auftakt zu einer Reise durch Sachsen, um sieben verschiedene Pflegeeinrichtungen kennenzulernen. Ich möchte wissen, was Pflegekräfte denken und fühlen, die diesen Job machen. Ich möchte erfahren, was pflegebedürftige Menschen brauchen und wünschen. Und mich beschäftigt, ob diese Erwartungen auch miteinander kollidieren?

     

    Kann Pflege nicht nur Belastung, sondern auch Bereicherung bedeuten? Und was macht das mit mir? Bisher habe ich kaum Berührungspunkte mit diesem Thema gehabt, ein Schülerpraktikum in der Neunten Klasse war quasi das höchste der Gefühle. Vielleicht will ich mit dieser Woche nicht nur die Pflege, sondern auch ein Stück weit mich in Bezug zu diesem sensiblen, aber doch allgegenwärtigen Thema kennenlernen.

    Martin Hoferick, 3/5/2018 6:04:05 AM Uhr
  • Das war schon skurril, hatte aber auch einen tieferen Sinn. Damit sollte Geld für die Erforschung und Behandlung einer Erkrankung gesammelt werden, bei der die Muskulatur zunehmend gelähmt wird.

    Martin Hoferick, 3/5/2018 6:05:15 AM Uhr
  • Der erste Tag wird mich nach Dresden führen. Und gleich zu einer speziellen Form der Pflege. Es geht um Amyotrophe Lateralsklerose.

    Um was? Das hab ich mich erst einmal auch gefragt. Dann fiel mir die #icebucketchallenge ein, zu der sich reihenweise Prominente Kübel eiskalten Wassers über den Leib schütteten.

     

    Martin Hoferick, 3/5/2018 6:06:15 AM Uhr
  • Heute werde ich einen ambulanten Pflegedienst begleiten, der sich auf die intensiv-medizinische Versorgung und Betreuung spezialisiert hat. Was das bedeutet werde ich gleich erfahren. Ich bin aber auch gespannt, wie ich Patienten und Angehörigen begegnen kann, denn ich werde auch in ihre Privatsphäre eindringen. Selbst wenn ich als aufmerksamer aber diskreter Beobachter im Hintergrund bleiben möchte, kann es dennoch eine Herausforderung für alle Beteiligten sein?

     

    Als Volontär beim MDR bin ich es nach einem Jahr theoretischer und praktischer Ausbildung gewohnt, mich aufgeschlossen und ein Stück weit unbekümmert auch in schwierige Themen zu stürzen. Doch der Pflege zolle ich zugegebenermaßen deutlich mehr Respekt als anderen Themenbereichen.

    Martin Hoferick, 3/5/2018 11:23:52 AM Uhr
  • Ich begleite heute Anita Hozakova. Mit der stellvertretenden Pflegeleiterin einer häuslichen Intensivpflege fahren wir zu einer Patientin in der Nähe von Dresden. Viel Zeit auf der Fahrt, um zu verstehen, was die Pflegekräfte täglich und mich heute erwartet.

    Sie teilen das Leben mit der Patientin – und mit ihrer Familie, Tag für Tag. Platz für Privatssphäre der Angehörigen gibt es kaum, 24 Stunden am Tag sind die Pflegekräfte bei der Familie. Sie kümmern sich nicht nur um die künstliche Beatmung, um Ernährung und um die richtige Sitz- und Liegeposition. Sie sind vor allem auch vor Ort, sollte es zu Komplikationen kommen.
    Martin Hoferick, 3/5/2018 3:23:42 PM Uhr
  • In der Familie, die wir heute besuchen, sind die Bedingungen optimal, sagt Anita. Hier haben die Pflegefachkräfte nicht nur alles Notwendige an technischer Ausstattung, sondern auch eigenen Platz zum Zurückziehen, für die Dokumentation und Ruhephasen in den Nächten. Oftmals aber müssen sich Pfleger und Angehörige den meist knappen Wohnraum teilen. Für beide Seiten kann das zur einer zusätzlichen Belastung werden.

    Martin Hoferick, 3/5/2018 3:34:50 PM Uhr via null
  • Fünf Pflegefachkräfte kümmern sich abwechselnd um Intensiv-Patienten, die in ihrem Zuhause gepflegt werden. Ganz schön großer Aufwand, könnte man meinen. Doch der Wunsch, die letzten Monate, Wochen oder gar nur Tage, die diesen Menschen bleiben, in den eigenen vier Wänden oder umgeben von der Familie zu verbringen, ist nachvollziehbar. Vorausgesetzt die räumlichen und finanziellen Mittel bieten einen entsprechenden Rahmen.
    Martin Hoferick, 3/5/2018 7:32:04 PM Uhr
  • Mithilfe eines Kniestupsens und dieses Computers kann die ALS-Patientin sich langsam aber deutlich artikulieren. Im Alltag dient hingegen ein Zucken des Mundwinkels als "Ja" oder "Nein" - und kann dennoch schiere Freude vermitteln.

    Martin Hoferick, 3/5/2018 9:27:25 PM Uhr
  • „Pflege, wie man sie sich wünscht.“ Diesen Satz habe ich heute nicht nur von Angehörigen, sondern auch von Pflegekräften gehört. Doch Anita Hozakova sagt auch, dass ich heute einen Idealtypus der häuslichen Intensivpflege erleben konnte. Tatsächlich hat es mich bewegt, wie sorgsam alle Beteiligten miteinander umgingen.
     
    Daher ist es vielleicht kein Zufall, dass zwei der Schwestern, die ich heute beim Arbeiten begleiten durfte, einst aus der stationären zur häuslichen Pflege gewechselt sind. Deren Aufgaben sind nicht weniger intensiv oder anspruchsvoll geworden, aber sie haben nun auch hin und wieder die Zeit, um der Patientin etwas vorzulesen, mit der Familie zu sprechen und in Ruhe die erforderliche Dokumentation der Pflege abzuleisten.
     
     
    Die andauernden Verhandlungen mit Krankenkassen um Finanzierung von Pflege und Ausstattung ersetzt ein solches Idealbild zwar nicht. Ganz zu schweigen von den psychischen Anforderungen für eine Familie, wenn ein Angehöriger – beispielsweise durch die Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose – pflegebedürftig wird.
     
    Doch die Würde, die dieser Patientin bei einer solchen häuslichen Intensivpflege zugesprochen wird, ist beeindruckend. Und das müsste vielleicht Kern und Maßstab der Pflege sein. Oder wie es mir heute eine Pflegeschwester sagte: "Wir wissen, dass der Zustand der Patientin immer schlechter wird. Aber wir werden es ihr so angenehm wie möglich machen."
    Martin Hoferick, 3/5/2018 9:28:31 PM Uhr
  • Meine Reise durch die Pflege in Sachsen führt mich am zweiten Tag nach Radeberg. Ich werde eine Tagespflege besuchen, in der sich ältere und Menschen mit Behinderung zusammenfinden. Dabei soll es nicht nur um Zeitvertreib, sondern auch um Hilfe im Umgang mit Alltagsherausforderungen gehen. Ich bin gespannt...
    Martin Hoferick, 3/6/2018 6:47:15 AM Uhr
  • Hier ist die Stimmung bereits großartig. 15 Senioren sind wie jeden Tag zu Gast, suchen Ablenkung und fröhliche Zerstreuung. Eine fantasiereiche Motorradausfahrt mit anschließendem Picknick löst kindliches Kichern und Glucksen aus.

    Martin Hoferick, 3/6/2018 8:35:28 AM Uhr
  • Das Ganze hat aber nicht nur einen spielerischen, sondern auch einen tieferen Sinn. Neben Senioren, denen die eigenständige Bewältigung des Alltags zunehmend schwer fällt, kommen auch Demenzpatienten in die Radeberger Tagespflege. Durch das gemeinsame Erleben des Alltags inklusive Betreuung können die Folgen dieser Krankheit hinausgezögert werden.
    Martin Hoferick, 3/6/2018 8:55:18 AM Uhr
  • Mit Aktionen wie der Motorradfahrt soll auch spielerisch das Gedächtnis trainiert, an die Lebenserinnerungen der Tagesgäste angeknüpft werden. Dafür gibt es hier nicht nur Pflege-, sondern auch ausgebildete Betreuungskräfte.

    Und der Aufenthalt in der Tagespflege dient als Gelegenheit für Physio- oder Ergotherapie. Dafür kommen die Therapeuten der betreuten Gäste in die Einrichtung, finden Räume und Zeit für die Übungen.
    Martin Hoferick, 3/6/2018 10:13:46 AM Uhr
  • Elfriede Schmidt ist regelmäßig zu Gast bei der Volkssolidarität. Für sie ist der Tagesablauf mit Begegnungen und den Beschäftigungen ein Gewinn. Und sie fühlt sich dadurch, als sei sie selbst noch berufstätig.

    Martin Hoferick, 3/6/2018 10:57:03 AM Uhr
  • Finanzierung, Würdigung, Fachkräftemangel. Diese Themen schwingen auch am Rande des zweiten Tages mit. Dabei bildet die Tagespflege in Radeberg fast schon eine Ausnahme, sagt Pflegedienstleiterin Rita Hothas. Hier steht ein solidarisch geprägter Träger dahinter und für die Pflegekräfte ist die Arbeit etwas weniger belastend als auf mancher stationären Pflegeeinrichtung. Zudem bleibt die Tagespflege an Wochenenden und Feiertagen geschlossen. Doch auch das hat seine Tücken. Denn weniger Arbeitszeit heißt für die Pflegekräfte mitunter auch weniger Gehalt. Das reicht dann nicht immer zur Lebensabsicherung.

    Martin Hoferick, 3/6/2018 2:09:20 PM Uhr
  • Die Freude der Pflegekräfte an ihrer Arbeit ist spürbar. Denn sie bieten Menschen, denen ein Pflegegrad bescheinigt wurde, etwas wichtiges: Beteiligung am ganz normalen Leben.

    Martin Hoferick, 3/6/2018 2:55:21 PM Uhr
  • Am zweiten Tag meiner Reise durch die Pflege in Sachsen merke ich: Es scheint einen „Pflege-Gen“ geben zu müssen. So sind auch die Betreuungs- und Pflegekräfte in Radeberg auf eine besondere Weise mit den ihnen Anvertrauten verbunden.

    Martin Hoferick, 3/6/2018 3:07:59 PM Uhr
  • „Natürlich hat hier jeder so sein Problem, aber wir hängen das nicht an die große Glocke.“ Wieder so ein pragmatisch-gutherziger Satz, der mich heute beeindruckt hat. Pflegedienstleiterin Rita sagte das zu mir, als wir während des Mittagsschlafs der Senioren bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen in Ruhe zum Reden kamen. Auch am zweiten Tag meiner Entdeckungsreise zum Thema Pflege merke ich, dass Pflege vor allem dann professionell zu sein scheint, wenn man ihr es nicht offensichtlich anmerkt. Klar, die Handgriffe müssen sitzen. Aber ich habe das Gefühl, die zu pflegenden Menschen scheinen sich vor allem Aufmerksamkeit und Respekt zu wünschen.

     

    Am ersten Tag meiner Reise – daheim bei der ALS-Patientin – lag der Fokus noch darauf das Zuhause pflegerisch so gut wie möglich auszustatten. Am zweiten Tag – in der Radeberger Tagespflege – geht es hingegen darum den Menschen zumindest zeitweise pflegerisch ein Zuhause zu geben. Große Unterschiede – und viele Eindrücke, die mich bewegen. Und erstaunlicherweise habe ich doch nicht das Gefühl mit all dem Erlebten zu fremdeln. Dabei war das vor dieser Woche noch eins meiner Bedenken.

     

    Wie es weiter geht? Ich werde es schon sehr sehr bald erfahren. Morgen dann noch weiter im Osten Sachsens. Der Wecker klingelt um vier – dann heißt es Frühschicht in Weißwasser.

    Martin Hoferick, 3/6/2018 8:12:39 PM Uhr
  • Tag Drei, 6.15 Uhr. Schichtbeginn für Altenpflegerin Marlen. Sie begleite ich heute durch Weißwasser. Der Plan ist minutengenau getaktet. Fünf Minuten für Diabetes-Spritze geben, fünf Minuten um in der Stadt zum nächsten Patienten zu fahren, ganz gleich ob der um die Ecke oder am anderen Ende Weißwassers wohnt. Doch Marlen ist routiniert und ich staune, wie sie trotz Schnee und Eis auf den Straßen fast pünktlich den Zeitplan einhält. Und nebenbei noch Zeit für ein liebes Wort, ein keckes Aufmuntern hat.
    Martin Hoferick, 3/7/2018 8:11:43 AM Uhr

    Für uns beide gibt es erstmal einen Kaffee und eine Zigarette, schnell die Schlüssel einpacken. Dann geht es los. Die ersten Stationen auf der Tagestour: Insulin spritzen, Wundpflaster erneuern, Augentropfen verabreichen. Manche der Pflegeklienten werden wir heute mehrfach besuchen...

    Martin Hoferick, 3/7/2018 8:24:27 AM Uhr via null

    Und gleich weiter zurück ins Auto, zur nächsten Station auf unserer Tagestour. Trotz der frühen Stunde: Marlens Fröhlichkeit steckt nicht nur die zu Pflegenden, sondern auch mich an.

    Martin Hoferick, 3/7/2018 8:47:17 AM Uhr via null
    Nach zwölf Stationen, mehreren gewechselten Wundverbänden und vielen Aufmunterungen gibt es nach fast vier Stunden die erste Pause. Ich hätte es gerne fotografisch festgehalten, doch kaum dass ich mich versehe, ist die Frühstückstafel wieder abgeräumt. Für mich Laien ist schon jetzt deutlich: Häusliche Pflege ist nichts für schwache Nerven und Knochen...
    Martin Hoferick, 3/7/2018 9:49:26 AM Uhr

    Mittlerweile waren wir in vierzehn Wohnungen. Für Marlen ist das Gewohnheit, denn manche Pflegeklienten betreut sie schon seit vielen Jahren. Für mich bedeutet das aber jedes Mal ein Eintauchen in eine andere Lebenswelt. Ich sehe wie die Menschen leben, welche Bilder von ihren Familien an den Wänden hängen, wie sie ihr Zuhause eingerichtet haben. Und: vierzehn verschiedene Gerüche beim Betreten der Wohnungen. Mitunter sind das auch vertraute Gerüche wie Bohnerwachs oder Essensduft der in der Luft liegt. Einige Gerüche kenne ich aus der Kindheit. So ist diese Tagestour für mich auch eine kleine Reise durch die eigenen Erinnerungen.

    Martin Hoferick, 3/7/2018 10:56:44 AM Uhr

    "Pflegeklienten" klingt befremdlich, ist aber würdevoller als wenn die Pflegefachkräfte von "Patienten" sprechen würden. Bei manchen ist das Verhältnis so vertraut, dass sich Marlen schon fast wie Zuhause fühlt. Dann geht es auch schon mal in Socken durch die Wohnung. Nicht nur Marlen, auch ich würde oftmals gerne länger bleiben, so wie hier bei Frau Prolep. Doch nach der Medikamentenausgabe bleibt nur wenig Zeit zum Plaudern. Der nächste Klient wartet.

    Martin Hoferick, 3/7/2018 12:33:12 PM Uhr

    Was mich erstaunt: Wir sind nun über acht Stunden unterwegs. Und dennoch spüre ich die Belastung nicht, viel zu spannend ist es für mich in diese vielseitige und anstrengende Arbeitswelt reinschauen zu dürfen. Doch wie das Marlen und ihre Kolleginnen tagtäglich durchstehen, bleibt mir ein Rätsel.

    Was mich freut: Trotz des engen Zeitplans der Tagestour, Marlen nimmt sich die Zeit auch mal die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen, die Suppe umzurühren oder das Haar einer Klientin hübsch zu kämmen.

    Doch die nächste Station wartet schon wieder...

    Martin Hoferick, 3/7/2018 2:00:58 PM Uhr

    Auf der Fahrt zum nächsten Klienten. Gelegenheit Marlen nach etwas zu fragen, wovor ich in diesem Job Bammel hätte: Ekelst Du dich eigentlich auch mal?

    Martin Hoferick, 3/7/2018 2:54:48 PM Uhr
    Nach neun Stunden, 18 Stationen und 7350 gelaufenen (und gezählten!) Schritten ist die Frühschicht in der häuslichen Pflege zu Ende. Ich bin reichlich groggy, Marlen ist es nicht. Und im Gegensatz zu mir muss sie nun noch unsere Tour rund um Weißwasser dokumentieren.

    Ich hingegen habe tausend Eindrücke zu verarbeiten. Ich habe offene Wunden gesehen, junge Leute, denen der Lebensmut abhanden gekommen schien und gebrechliche Menschen, deren Radius auf ein Zimmer beschränkt ist. Ich habe viel Fröhlichkeit und vielleicht auch den ein oder anderen Moment erlebt, in dem beim Abschied Wehmut zu spüren war, dass die kurze Zeit des Beisammenseins schon wieder vorbei ist.

    Und ich habe durch das Begleiten einer häuslichen Tour wieder einen Mosaikstein des Pflegewesens kennengelernt. Auch wenn sie nicht immer mit jedem Klienten zurechtkommt, so ist Marlens Motto doch: "Pflege die dir Anvertrauten so, wie Du selbst einmal gepflegt werden willst."
    Martin Hoferick, 3/7/2018 3:57:53 PM Uhr

    Der vierte Tag meiner Reise durch die Pflegebereiche bricht an. Halbzeit meiner Tour und ich frage mich wie die Pflegekräfte ihren Beruf nach Feierabend hinter sich lassen können.
    Vor allem nach der gestrigen Runde mit der häuslichen Pflege in Weißwasser stellt sich mir diese Frage. Denn mehr als bei anderen journalistischen Themen will mir das "Abschalten" bei meiner Entdeckungsreise in der Pflege kaum gelingen.

    Gestern erzählte ich von den Düften der einzelnen Wohnungen, die wir nach und nach abklapperten. Nun zeigt sich, dass neben den Eindrücken auch diese Gerüche an und in mir hängen bleiben. Immer wieder habe ich neben den Bildern des Tages auch den entsprechenden Duft im Gedächtnis präsent. Und komme so, auch weit nach Feierabend, kaum aus dem Gedankenkarussell des Pflegethemas heraus.

    Martin Hoferick, 3/8/2018 7:59:34 AM Uhr

    Eine weitere Erkenntnis meiner Reise: Zeit ist eines der kostbarsten Güter in der Pflege. Mehr davon für alle! Das wünscht sich auch Ruth Prelop aus Weißwasser.

    Martin Hoferick, 3/8/2018 10:16:08 AM Uhr

    Zeit hat am vierten Tag meiner Reise durch die verschiedenen Aspekte der Pflege eine ganz andere Bedeutung als die der Mangelware. Denn ich begleite heute Franziska Köhler und ihre Tochter Jolina. Sie hat das Down-Syndrom und muss dadurch fast die ganze Zeit begleitet werden. Das fängt schon im Schulalltag an, stets ist eine Begleiterin unterstützend an ihrer Seite.

    Martin Hoferick, 3/8/2018 1:50:42 PM Uhr
    Doch mich überrascht, wie selbstbewusst Jolina ist. Sie traut sich vieles zu, manchmal mehr als sie in der Lage ist mit fast zehn Jahren schon zu leisten. Denn Down-Kinder sind in ihrer Entwicklung nicht so schnell wie andere Kinder ihres Alters. Sprechen, Fahrradfahren, Rechnen, das alles hat Jolina langsamer als ihre Mitschüler erlernen müssen. Nur das Bedienen des Touchpads am Autoradio bedient sie schon ganz intuitiv. Trotz ihrer Behinderung, sie ist halt ein Kind einer digitalen Generation.
    Martin Hoferick, 3/8/2018 2:13:57 PM Uhr

    Ich begleite Jolina bei einer ihrer Therapien. Zweimal in der Woche bekommt sie Ergo- und Logopädietherapien. Denn bei Kindern mit Down-Syndrom ist die Körperspannung nicht so gut ausgeprägt, auch das Sprechen leidet darunter. Florentine versucht dem mit spielerischen Übungen entgegenzuwirken.

    Martin Hoferick, 3/8/2018 5:31:29 PM Uhr

    Schule und Therapie sind vorbei, endlich geht es für Jolina nach Hause. Auch hier braucht sie Unterstützung - und das wird so bleiben. Während Jolina sich vom anstrengenden Tag erholt, habe ich Gelegenheit mit Franziska Köhler ins Gespräch zu kommen und die Frage zu stellen, wie Jolinas Zukunft aussehen könnte.

    Martin Hoferick, 3/8/2018 6:17:41 PM Uhr
    Allein die Unterstützung Jolinas in ihrer jetzigen Situation kostet die Familie Kraft. Und Franziska Köhler muss - wie viele andere Angehörige von Pflegebedürftigen - häufige Kämpfe um die Finanzierung der Betreuung und um die Einstufung von Jolinas Pflegegrad ausfechten. Das macht müde und verärgert, sagt sie.
    Martin Hoferick, 3/8/2018 6:21:03 PM Uhr

    Wir sprechen sehr vertraut über das Leben von und mit Jolina. Wird mit einem Kind mit Down-Syndrom nicht auch mal alles zu viel?

    Martin Hoferick, 3/8/2018 6:36:02 PM Uhr

    Ich bin angetan. Von Jolinas Fröhlichkeit, von ihrer Art Freude und Vergnügen zu bereiten und von der innigen Beziehung zwischen ihr und ihrem Bruder Justin. Auch die Herzlichkeit der Familie freut mich. Sogar zum Abendbrot werde ich eingeladen.

    Martin Hoferick, 3/8/2018 7:36:41 PM Uhr

    Jolina wird ins Bett gebracht, für mich wird es Zeit zu gehen. Ich hänge noch ein wenig den Gedanken nach.
    Wieder einmal ist es eindrucksvoll, einen weiteren Aspekt der Pflege zu erleben. Jolina braucht bei vielen alltäglichen Dingen Hilfe - und das wird so bleiben. Doch es ist faszinierend, wie fröhlich sie dabei ist.

    Verstehen kann sie den Grund nicht. Sie weiß, dass sie anders ist als ihre Mitschüler. Ständige Therapien begleiten sie schon ein Leben lang, ein angepasster Lehrplan in der Schule ist für sie Normalität. Aber richtig einordnen kann sie es noch nicht.

    Dabei bekommt sie breite Unterstützung. Jedoch es ist für mich spürbar, wie sehr ihre Mutter dafür immer wieder kämpfen muss. Ich konnte heute gut nachvollziehen wie nervenaufreibend für Franziska Köhler die stete Konfrontation mit Krankenkassen, Jugend- und Sozialamt, mit der ganzen Blüte der Bürokratie ist. Aber das Ausfechten dieser Kämpfe scheint mir wichtig und richtig zu sein. Denn als Down-Kind braucht Jolina in Mitschülern, Betreuern und Therapeuten Vorbilder. In ihrem Einsatz für eben dies ist ihre Mutter bereits ein Vorbild, nicht nur für Jolina.

    Martin Hoferick, 3/8/2018 8:11:00 PM Uhr via null
    Ein neuer Tag, ein neuer Aspekt der Pflege und auch eine neue Herausforderung, denn heute besuche ich eine stationäre Pflegeeinrichtung für junge Menschen in Dresden. Hier werden Intensivpatienten betreut. Außerdem gibt es Wohngruppen für die, die weitestgehend selbstständig leben. Ich will rausfinden, wer hier warum wohnt - und wie es ist, in jungen Jahren schon Betreuung zu benötigen.
    Martin Hoferick, 3/9/2018 7:27:44 AM Uhr

    Ich darf mich mit an den Frühstückstisch setzen. Und erfahre, dass das "jung" der Bewohner hier naturgemäß unterschiedlich gemeint ist. Gedacht ist die Einrichtung für Menschen unter 50 Jahren, aber wer einmal hier betreut wird, muss das Haus mit Überschreiten dieses Alters natürlich nicht verlassen. So gibt es einen Bewohner, der mit seinen 17 Jahren noch zu Schule geht, Alterspräsidentin ist eine 80-jährige Dame.

    Martin Hoferick, 3/9/2018 8:31:53 AM Uhr
    Das Haus wirkt auf mich licht und freundlich. Hier gibt es WLAN, im Fernseher laufen Musikvideos und die Athmosphäre zwischen Pflegepersonal und Bewohnern ist kumpelhaft. Doch nicht alle können von dieser lockeren Umgebung profitieren. In den 22 Betten liegen auch Intensivpatienten, manche müssen beatmet werden, andere liegen im Wachkoma.

    Dennoch, auf mich Pflegelaien wirkt das ParaLiving nicht wie ein steriles Krankenhaus, eher wie eine etwas skurril anmutende große Hausgemeinschaft. In dieser wird in Bewohnerversammlungen auch über das TV-Programm oder über das Menü des nächsten gemeinsamen Kochabends diskutiert.
    Martin Hoferick, 3/9/2018 10:36:53 AM Uhr

    Ich komme mit Mandy Locke ins Gespräch, sie ist Ergotherapeutin. Wie viel Privatsphäre kann es in dieser Gemeinschaft bei aller notwendiger Betreuung geben?

    Martin Hoferick, 3/9/2018 11:18:00 AM Uhr

    Es ist etwas Ruhe eingekehrt, die Bewohner haben sich nach dem Mittagessen zurückgezogen oder wurden für die Mittagsruhe fertig gemacht. Zeit für mich einen Blick hinter die Kulissen der Arbeit der Pflegekräfte zu werfen. Um den körperlich fordernden Job ausgleichen zu können gibt es unweit des Pflegeheims für junge Menschen für die Mitarbeiter einen Fitnessraum. Damit möchte man auch attraktiv für mögliche neue Kollegen sein, auch wenn hier derzeit noch kein Nachwuchsmangel herrscht.

    Martin Hoferick, 3/9/2018 12:16:03 PM Uhr

    Während seine Freundin im Nebenraum ruht, zeigt mir Norbert ihre gemeinsame Wohnung. Ich freue mich, wie er mir lieb und ungezwungen von seiner Liebe, seinem Leben und dem Wohnen für junge Pflegebedürftige erzählt. Er und Gisela sind „das“ Paar der Hausgemeinschaft, die Norbert als eine große Familie bezeichnet. Sie gehen alle gemeinsam durch dick und dünn, sagt er. Und ihm und seiner Freundin wird es neben den pflegerischen Aspekten und den Ergo- und Logopädietherapien in dieser Gemeinschaft nie langweilig.

    Martin Hoferick, 3/9/2018 3:21:40 PM Uhr
    Übrigens: Legalize it! Die Meinung der Pflegerinnen und Pfleger ist klar, Marihuana hilft den (meisten) Patienten. Es wirkt bei den Bewohnern die es bislang verschrieben bekamen entspannend, beruhigend und schmerzlindernd.
    Martin Hoferick, 3/9/2018 3:35:18 PM Uhr
    Oftmals werden die Bewohner hier im ParaLiving-Haus über mehrere Jahre von den Pflegekräften betreut. In den vielen feinfühligen Gesprächen, die ich mit den Pflegerinnen und Pflegern führe, wird aber deutlich, dass ihnen dies nicht immer nur gut tut. Sie lachen viel mit den Bewohnern, trauern aber auch gemeinsam, wenn jemand aus der Gemeinschaft verstirbt.

    Und das gehört unausweichlich zum schönen wie aufreibenden Alltag, denn die meisten Patienten haben durch ihre Erkrankungen oder Behinderungen eine verkürzte Lebenszeit. Mitunter ist für die Pflegekräfte dann die Abwechslung zwischen stationärer und ambulanter Pflege, die ebenfalls zum Aufgabengebiet zählt, wohltuend.

    Mich beeindruckt wie offen wir über das Thema Sterben reden. Etwas mit dem ich mich sonst aus einer Mischung aus Scheu und fehlender Konfrontation selten auseinandersetze.
    Martin Hoferick, 3/9/2018 3:59:08 PM Uhr

    Über das Sterben spreche ich auch mit Mandy Locke. Und über das, was zuvor noch ermöglicht werden kann. Gemeinsam mit dem „ASB-Wünschewagen“ wurde einem Bewohner noch ein Herzenswunsch erfüllt.

    Martin Hoferick, 3/9/2018 4:08:58 PM Uhr

    Ich durfte heute auch Tino und seinen Sohn Daniel treffen. Als Daniel fünf Jahre alt war wurde bei dem Baumaschinenführer Multiple Sklerose diagnostiziert. Seinen Papa als einen gesunden Mann kennt Daniel fast nur von Fotos, sein Aufwachsen war unweigerlich mit der Erkrankung des Vaters verbunden.

    Warum, frage ich mich. Macht das nicht wütend, auf wen auch immer? Nein, sagt Daniel, aber es ist ein Stich ins Herz wenn er daran denkt, was sie noch hätten ohne die Krankheit machen können. Doch die hat sich in den letzten Jahren zunehmend verschlimmert, nun bleibt als Kommunikationsmittel nur noch ein leichtes Kopfnicken. Das allein kann tiefe Emotionen vermitteln, sagt Daniel.

    Wir sitzen im sonnigen, aber mit medizinischem Gerät gespickten Zimmer. Mich nimmt das mit, meine Fragen kommen mir angesichts der Tragik und wiederum auch sensiblen Schönheit des Beisammenseins zeitweise dämlich vor. Aber Daniel macht es mir leicht, öffnet sich herzlich. Er erzählt mir, dass die Erkrankung des Vaters in ihm eine gewisse Abgebrühtheit gegenüber anderen Schicksalsschlägen hervorgerufen hat. Sein Papa wird sterben. Hat er davor Angst? Nein, aber Sorge ob sein Vater einen schmerzfreien Abschied haben wird.

    Martin Hoferick, 3/9/2018 6:49:01 PM Uhr via null
    Wie umgehen mit Schicksalsschlägen, Erkrankungen oder Behinderungen - gerade wenn sie einem als jungen Menschen widerfahren? Ich hätte gedacht auf so etwas müsse doch zwingend Resignation und Lebensweh folgen.
    Aber Mandy und Pflegedienstleiterin Elke Jannasch berichten etwas anderes. Für plötzlich Querschnittsgelähmte kann beispielsweise die erste Mobilität im Rollstuhl ein Ziel sein, für viele Betroffene werden kleine Fortschritte bedeutsam. Erfolge, bei denen auch Mandy und Elke helfen - und auch für sich neue Kraft und Antrieb finden.

    Doch wir sprechen auch darüber, dass nicht alle Patienten so denken. Vor fünf Jahren, als die Pflegeeinrichtung für junge Menschen erst wenige Monate eröffnet hatte, überraschte sie ein Bewohner mit der bedachten und unverrückbaren Entscheidung seinem Leiden und Leben ein Ende setzen zu wollen, per Sterbehilfe in der Schweiz.

    Ihre damaligen Gedanken kann ich nur ansatzweise versuchen nachzuempfinden, vielleicht waren sie neben Bestürzung auch von Empathie geprägt - und das obwohl ihre ganze bewundernswerte berufliche Hingabe genau dem Gegenteil, der Pflege des Lebens gewidmet ist. Bewohner und Pfleger des Heims, sie standen am Ende gemeinsam am Grab des jungen Mannes, trauerten gemeinsam und konnten bald auch wieder gemeinsam lachen.
    Empathie und Freude habe ich in dieser Woche und auch heute immer wieder erleben dürfen. Es sind wohl die wahren Grundpfeiler der Pflege.
    Martin Hoferick, 3/9/2018 7:19:12 PM Uhr

    Ich könnt' ja noch. Aber meine nächste Station auf der Reise durch die Pflege leider nicht.
    Heute wollte ich eigentlich in einem Krankenhaus sein, schauen, wie es Pflegekräften und Patienten in einer großen und durchgetakteten Einrichtung  ergeht. Doch gestern erst kam die Absage. Ungewollte Zwangspause am sechsten Tag.

    Martin Hoferick, 3/10/2018 10:33:49 AM Uhr
    Dabei hätte mich die Pflege im Krankenhaus sehr interessiert. Ich hätte gerne auch in dieser Umgebung mit viel Zeit die Geschichten von Personal und Patienten aufsaugen wollen, wie es in dieser Woche mehrfach geglückt ist.
    In dieser Zeit habe ich auch immer wieder Pflegekräfte getroffen, die einst in Krankenhäusern gearbeitet haben.

    Sie berichteten, dass auch hier Zeitmangel, fehlende Würdigung und Personalsorgen eine Rolle spielen. Und doch wird es auch hier engagierte Menschen mit dem für mich immer wieder spürbaren Pflege-Gen geben. Die Zuschriften die wir in den vergangenen Tagen und Wochen bekamen und die in unserem Themenschwerpunkt Pflege nachzulesen sind, sprechen eine ähnliche Sprache wie die persönlichen Erzählungen vieler Pflegekräfte auf meiner Reise in den vergangenen Tagen.

    Mit einem großartig unterstützenden Team von MDR Sachsen haben wir in ganz Sachsen größere und kleinere Krankenhäuser angefragt. Oftmals wurde uns mit Verweis auf die immer noch grassierende Grippewelle abgesagt. Nicht nur die Ansteckungsgefahr spielte dabei eine Rolle, auch die zu sehr ausgedünnt Pesonaldecke im Pflegebereich hat einen Besuch verhindert.
    Martin Hoferick, 3/10/2018 1:24:49 PM Uhr
    Letzte Etappe einer Woche in der Pflege. Trotz des von Sonnenschein verwöhnten Sonntags, für mich ist es ein wenig schade, dass heute der letzte Tag dieser facettenreichen Reise anbricht.
    Dazu führt mich der Weg noch einmal nach Ostsachsen, in die Oberlausitz. Hier möchte ich ein Pflegeheim besuchen in dem vor allem sorbischsprachige Bewohner in Wohngruppen leben. Kein Wunder, zählt mein Ziel Crostwitz doch zu einem Zentrum des sorbischen Lebens in Sachsen. Na dann, raus aus der Sonntagsruhe und rein ins Vergnügen!
    Martin Hoferick, 3/11/2018 11:03:19 AM Uhr

    Ich finde hier eine liebliche Landschaft - und klare Zeichen, dass Crostwitz und Ungebung nicht nur sorbisch, sondern auch katholisch geprägt sind. So ist es kaum überraschend, dass ich Einblick in eine Pflegeeinrichtung der Caritas bekomme. Gleich ist für mich Schichtbeginn mit dem Spätdienst.

    Martin Hoferick, 3/11/2018 12:56:41 PM Uhr

    Ich komme zur Zeit des Kaffeetrinkens dazu. Das Heim St. Ludmila wirkt auf mich licht und freundlich - und ruhig. Und ich fühle mich in eine andere Welt versetzt, denn die meisten Gespräche verstehe ich nicht. Zwei Drittel der Bewohner sprechen sorbisch, ich leider nicht. Fast jede Begegnung beginnt mit einem "Budź chwaleny Jězus Chrystus!". Dennoch machen es mir die Pfleger und Bewohner leicht, reden mit mir auf Deutsch.

    Martin Hoferick, 3/11/2018 2:33:06 PM Uhr

    Hier lerne ich Elisabeth kennen. Zum Studieren ist sie nach Leipzig gegangen, möchte Grundschullehrerin für sorbische Kinder werden. Doch alle zwei Wochen kommt sie hier nach Crostwitz, hilft beim Spazierengehen oder an der Kaffeetafel, leiht den Bewohnern ihr Ohr. Was zur Aufstockung des Taschengeldes begann ist ihr zur Herzensangelegenheit geworden. Und auch sie weiß das Angebot eines sorbischen Pflegeheims zu schätzen.

    Martin Hoferick, 3/11/2018 3:41:32 PM Uhr

    Früher sind sie mit dem Auto am Pflegeheim vorbeigefahren und dachten sich, dass sie hier nie hinwollen. Doch durch das Alter und nach einem Schlaganfall kam es anders. Nun bewohnen die Eheleute Maria Wałdźina und Beno Wałda hier ein gemeinsames Zimmer. Ganz haben sie sich mit der Situation immer noch nicht abgefunden. Doch sie sagen mir auch, dass sie glücklich sind, hier liebe und hilfsbereite Pfegerinnen um sich herum zu haben.

    Doch nach einem langen, entbehrungsreichen Leben ist der Verlust der Selbstständigkeit nur schwer zu akzeptieren, gibt Maria zu.
    Es fällt mir schwer nachzuempfinden wie es ist, stets auf Hilfe angewiesen zu sein. Eher kann ich den Trotz verstehen, mich selbst nicht in einem Pflegeheim zu sehen. Aber auch ich werde vielleicht so wie das Ehepaar Walde mich früher oder später damit auseinandersetzen müssen. Jetzt aber genieße ich erst einmal das Zusammensein mit den beiden und freue mich über die Herzlichkeit, mit der wir über ihr Leben und die Zeit ihrer Pflege sprechen können.

    Martin Hoferick, 3/11/2018 5:02:26 PM Uhr
    Die Unterbringung in einem Pflegeheim ist für die meisten Menschen hier in der Umgebung lange Zeit undenkbar gewesen. Sogar richtige Vorbehalte wurden dem Heim in der Anfangszeit entgegnet. Das lag auch an den kinderreichen Familien der Sorben, die sich im Alter gegenseitig umsorgten. Doch stets ist alles im Wandel, Familien zerstreuen sich, die Pflegebedürftigen werden immer älter und durch die Arbeit der Nachkommen bleibt wenig Raum für die Pflege in der Familie. Daher hat auch das Heim St. Ludmila Akzeptanz in der Gesellschaft gefunden.
    Martin Hoferick, 3/11/2018 5:11:16 PM Uhr

    Zeit für das Abendbrot. Pflegerin Christine und Hauswirtschaftshilfe Angela bereiten es vor und versuchen dabei auch die individuellen Vorlieben der Bewohner zu berücksichtigen.

    Wir sprechen über die Belastung der Arbeit und über die Eigenheiten der Alterserkrankungen. Beide scheinen damit gelassen und pragmatisch umzugehen. Für sie ist es wichtig auf die Wünsche der Bewohner einzugehen, mögen sie - wie im Fall von Demenzpatienten - auch sonderlich erscheinen. Dabei haben sie auch vor Augen, dass sie später einmal vielleicht auch in ihrer eigenen Welt lebend hier oder in einem anderen Pflegeheim Bewohner sein könnten. So wie mit ihnen umgegangen werden soll, so möchten sie auch den jetzigen Bewohnern begegnen.

    Martin Hoferick, 3/11/2018 5:36:25 PM Uhr via null

    Elisabeth habe ich noch gefragt, ob durch ihre ehrenamtliche Arbeit ein Pflegeheim auf sie weniger fremd wirkt - auch wenn sie an ihr eigenes Leben denkt und wie dieses im Alter aussehen soll. Doch sie hat klare, ganz andere Vorstellungen.

    Martin Hoferick, 3/11/2018 6:35:33 PM Uhr

    Es wird Zeit für mich zu gehen. Die Bewohner des Heims St. Ludmila werden in ihre Zimmer gebracht oder auf die Nacht vorbereitet. Doch richtig ruhig wird es nie, sagt mir eine Pflegerin. Immer wieder wird eine Klingel schrillen, müssen aus dem Schlaf erwachte demente Bewohner wieder zum Hinlegen animiert werden. Bald wird der Spätdienst abgelöst. Ich bekomme mit, dass nach dem eigentlichen Dienstende noch Zeit zum Dokumentieren der Schicht drangehangen werden muss. Ist das erledigt, sind dann zwei Nachtpflegerin für je 30 Bewohner verantwortlich.

    Ich habe Hochachtung vor der Arbeit der Pflegerinnen, der Hauswirtschaftshilfen und der Betreuerinnen. Und ich habe Hochachtung vor den Menschen, die auf ihre Hilfe angewiesen sind. Denn trotz ihrer Pflegebedürftigkeit, sie wirken auf mich würdevoll.

    Und dennoch, der Gedanke einst selbst in ihrer Lage zu sein, der lässt mich erschauern. Ein Verlust der Selbstständigkeit macht mir Angst. Kann es einen Moment geben, in dem ich noch selbstbestimmt einem vielleicht langen Leiden vorbeugen oder ein Ende bereiten kann? Ich spreche auch darüber mit dem Personal des Heims, auch wenn diese Frage hier in der sorbisch und katholisch geprägten Einrichtung eher verneint wird.

    Je mehr ich mich dem Thema Pflege in dieser Woche genähert habe, umso klarer ist mir die Hingabe der Pflegekräfte zu ihrem Beruf bewusst geworden. Trotz aller Hürden und trotz oftmals fehlender Würdigung, sie leisten gegenüber hilfebedürftigen Menschen Edles.
    Das gibt mir am Ende einer für mich eindrucksvollen Reise das schöne und beruhigende Gefühl, dass ich - möge diese Hilfe mir und allen Anderen so lange wie möglich erspart bleiben - um die in dieser Woche erlebte Hingabe der Pflegerinnen und Pfleger wissen darf.

    Martin Hoferick, 3/11/2018 8:16:07 PM Uhr
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